Vielschichtige Geschichte(n)

Welche Geschichten bewegen uns?
Und wie greifen wir sie auf, um sie zu erzählen?

Im Rahmen des Festivals der Regionen 2021 widmete ich mich in einem partizipativen Prozess mit Bürger*innen, Schüler*innen und lokalen Historiker*innen den vielschichtigen Geschichten aus den 1930/40er Jahren im inneren Salzkammergut – in Bad Ischl, Bad Goisern und Hallstatt. Daraus entstanden sind drei verschiedene Formate: Die Fundstücke, Stille Zeugen und Tischgespräche.

Der folgende Text ist ein Projektbericht. Er ist ein Versuch, die Fülle und Vielfalt einer künstlerischen Arbeit abzubilden, die ich in ihrer Gesamtheit am ehesten als soziale Plastik oder kulturelle Akupunktur beschreiben würde.

 

FUNDSTÜCKE

Installation im öffentlichen Raum und Videos

Überdimensionale Stecknadeln markierten ausgewählte Orte mit Geschichte(n), die mit einer speziellen Landkarte gefunden werden konnten. In den von der Drechslereiklasse der HTBLA Hallstatt gefertigten Stecknadelköpfen befanden sich „Fundstücke“ – historische Dokumente und Fotos – über QR-Codes waren darin auch Kurzfilme und Musikvideos zu finden. Die einzelnen Themen und Videos wurden gemeinsam mit Menschen aus der Region erarbeitet und gefilmt.

Fotocredits: fast alle ©Nik Mangafas / FdR 2021, Foto 4 – Guggi Wesch, Foto 7 – TD

Um die genauen Orte, Materialien und Geschichten zu identifizieren und auszuwählen, hat Teresa Distelberger lokale Historiker*innen zum Dialog eingeladen – die dann für jede Stecknadel einen leicht verständlichen, historisch fundierten Text schrieben.

Die Videos waren vor Ort in eigenen Videoinstallationen in Bad Ischl (Lehartheater), Bad Goisern (HandWerkHaus) und Hallstatt (HTBLA Ausstellungsraum) zu sehen sowie über QR-Codes in den Stecknadeln und die Landkarte auch im Internet, wo sie nach wie vor zu finden sind.

LANDKARTE: https://fdr.at/wp-content/uploads/2021/06/landkarte.pdf

 


VIDEOS DER FUNDSTÜCKE

 

„Else Bergmann alias Gabriele Brinkmann“
Else Bergmann war als Frau des evangelischen Pfarrers von Hallstatt die einzige Jüdin, die bis 1945 in Hallstatt lebte. Durch einen vorgetäuschten Selbstmord im See gelang ihr die Flucht. Ihr Enkel Nikolai New kehrt nach Hallstatt zurück und spielt im Andenken an sie ein Stück von Bach. Johannes Krisch und Larissa Fuchs lesen dazu aus dem Roman „Die Kaminsky-Taktik“ – in diesem Buch hat Christopher New, der Schwiegersohn von Else Bergmann, die dramatische Familiengeschichte niedergeschrieben.

Kamera und Schnitt: Teresa Distelberger und Jane Kennedy – Cello: Nikolai New – Stimmen: Johannes Krisch und Larissa Fuchs – Mischung: Tennleuwö Tonstudio

BONUS: Im Rahmen des Festivals der Regionen fand auch eine Lesung des Buches „Die Kaminsky Taktik“ mit Johannes Krisch und Larissa Fuchs statt, gefolgt von einem Gespräch im Rahmen des Kepler Salons mit dem Autor Christopher New, der Historikerin Nina Höllinger (Zeitgeschichte Museum Ebensee), der Hallstätterin Patricia Eder und Teresa Distelberger. Es gab für diese Veranstaltung einen Live-Stream, den man HIER noch Nachschauen kann.

 

Anton Kaindlstorfer – Eine nationalsozialistische Karriere im Salzkammergut“
In diesem Kurzfilm stellt sich der Ö1-Journalist und Autor Günter Kaindlstorfer seiner eigenen Familiengeschichte: Sein Großvater Anton Kaindlstorfer gehörte zu den führenden Nazis im Salzkammergut und war in Bad Ischl NSDAP-Ortsgruppenleiter. Private Bilder sowie Fotografien des Ortsbildes geben einen Einblick in die damalige Euphorie für die NS-Ideologie, das mutige Statement des Enkels und visuelle Überblendungen schaffen den Bogen zur eigenen politischen Haltung hier und heute.

Text: Günter Kaindlstorfer – Regie und Kamera: Teresa DistelbergerKamera und Schnitt: Elena Catalina Martín Lobera – Musik: Christian Kapun – Recherche: Kurt Lux

 

„Resistance“
Der Hallstätter Punk „Gin“ folgte der Einladung, sich musikalisch am Projekt „Vielschichtige Geschichte(n)“ zu beteiligen und gründete dafür mit Freunden die Band „Cromulents“. Sie schrieben einen Song über den Widerstand gegen das NS-Regime im Salzkammergut, das Musikvideo führt zum „Igel“ – ein Unterschlupf im Toten Gebirge wo sich gegen Kriegsende kommunistische entflohene KZ-Insassen und Deserteure versteckten.

Text und Musik: Cromulents – Gin, Fisch und Hannes – Aufnahme: Tennleuwö Tonstudio – Kamera und Schnitt: Teresa Distelberger und Jane Kennedy

 

„…vielleicht nachher nia mehr.“
Anlässlich des Projekts stöberte die Hallstätterin Patricia Eder in den Hinterlassenschaften ihres Großvaters und fand Fotoalben mit Bildern, die seinen Einsatz als Wehrmachtssoldat dokumentierten. Die Reflexion über den Blick der Großmutter, die diese Alben gestaltet hatte, sowie über die anfangs kriegsverherrlichende Stimmung in der Bevölkerung wurde in einer Bildcollage mit einem umgetexteten Volkslied zum Ausdruck gebracht.

Konzept und Hände: Patricia Eder – Konzept/Stimme/Akkordeon/Kamera/Schnitt: Teresa Distelberger – Aufnahme: Tennleuwö Tonstudio

 

„Clara Pfeffer“
Die 4. Klasse der HLW Bad Ischl erinnert sich an die Jüdin Clara Pfeffer, die am Standort ihres Schulgebäudes bis 1938 das Hotel Habsburgerhof betrieben hatte. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde ihr Pachtvertrag nicht mehr verlängert.  Eine Schülerin versetzt sich in die Lage von Clara Pfeffer und stellt eine Verbindung zu ihrem eigenen Leben her.

In Kooperation mit der HLW Bad Ischl und Michael Kurz.

Mitwirkende: Michaela Lindenthaler, Julia Eder, Leonie Reitter, Simone Eiersebner, Marta Marjanović, Sonja Kaiser, Lea Thanner, Jasmin Riedler, Lena Rubenzucker, Lena Egger, Christina Grabner, Johanna Bramberger, Lisa Wiesauer, Melanie Kamp.
Kamera & Schnitt: Teresa Distelberger & Jane Kennedy

 

„Steeger Leinen“
Hildegard Scheutz aus Bad Goisern erinnert sich an einen Moment in ihrer Jugend, als sie 1945 mit anderen Ortsansässigen das Stofflager der Nationalsozialisten in Steeg am Hallstättersee plünderte und daran, wie das Steeger Leinen sie weiter begleitet hat.
Kamera/Schnitt: Teresa Distelberger

 

 

STILLE ZEUGEN

Installation im öffentlichen Raum und Performance

Im Sisipark in Bad Ischl tauchten aus der gepflegten Rasenoberfläche wie Spuren einer verdrängten Vergangenheit große Teile von antiquarischen Möbelstücken auf. Sie erinnerten daran, dass im Zuge der Arisierung vieler Villen jüdischer Bürger*innen die ursprüngliche Ausstattung mit Möbel und Hausrat selten restituiert wurde und so manche Stücke sich – wissend oder unwissentlich – noch immer in vielen Haushalten der Region befinden. Die Möbel waren, stellvertretend für die damals enteigneten Möbel, stille Zeugen all der Menschen, die mit ihnen gelebt haben und der Besitzwechsel, die sie erfahren haben. Wem haben diese Möbelstücke gehört, was könnten sie uns erzählen und zu welchen Fragen laden sie uns ein? 

Die installierten Möbelstücke wurden in der Region für das Projekt gespendet (oder über Willhaben gefunden) und von der Restaurationsklasse der HTBLA Hallstatt umgebaut.

Der Musiker/Choreograph/ Performer Simon Mayer hat für diese Installation die Performance „Der Erbe“ erarbeitet, in der er sich mit den inneren Konflikten jener Menschen beschäftigt, die in einem arisierten Haus geboren wurden oder Stücke aus dem Raubgut von Arisierungen geerbt haben. Es gab auch einen Livestream dieser Performance, gefolgt von einer Lesung von der Historikerin Dr. Marie-Theres Arnbom aus ihrem Buch „Die Villen von Bad Ischl“ – beide Impulse sind HIER zum Nachschauen.

Fotocredits: Installationsbilder – TD, Fotos „Der Erbe“ – ©Nik Mangafas / FdR 2021

 

 

TISCHGESPRÄCHE

Dialogische Kunst und Installation
„Durch’s Reden kumman d’Leit zsamm“, so auch an einem Tisch in vertrauter Runde. Welche Geschichten erzählen wir uns, wenn wir zusammensitzen – und welche eher selten? Welche Geschichten werden in einer Familie oder einer Ortschaft von einer Generation an die nächste weitererzählt und welche Geschichten fallen dabei unter den Tisch? In einer Serie von moderierten Tischgesprächen wurden interessierte Menschen aus der Bevölkerung eingeladen, Geschichten aus ihren Familien und Ortschaften zu erzählen.

Tischgespräche in Hallstatt – Fotocredit: ©Chris Gütl / FdR 2021

Folgende Offene Tischgespräche haben 2021 stattgefunden: 1. Juni in Hallstatt (Bräugasthof) – 8. Juni in Bad Goisern (HandWerkHaus) – 15. Juni in Bad Ischl (Katholisches Pfarrheim) – 29. Juni in Bad Ischl (Katholisches Pfarrheim) mit Günter Kaindlstorfer  – Dialogische Gestaltung: Teresa Distelberger und Mario Sinnhofer

Tischgespräche in Bad Ischl mit Günter Kaindlstorfer – Fotocredit: ©Nik Mangafas / FdR 2021

Auch mit den Schüler*innen der Welterbe Mittelschule und der digi Mittelschule Bad Goisern fanden solche Tischgespräche in einem fächerübergreifenden Projekt von Geschichte und Handarbeiten statt. Aus den Erzählungen entstanden Bilder, in denen historische Fotos mit Lavendelöldruck auf Leinen gedruckt und diese dann bestickt wurden. Die Teile wurden zu einem gemeinsamen Tischtuch zusammengenäht, auf dem Geschichten aus den Familien der Jugendlichen, sowie exemplarische Beispiele aus den Tischgesprächen in den Ortschaften gemeinsam auf den Tisch gebracht wurden.

Dafür wurden alte Stoffe verwendet, die von der Bevölkerung für das Projekt gespendet wurden – darunter auch Teile des geschichtsträchtigen „Steeger Leinens“: In Steeg am Hallstättersee hatten die Nazis große Mengen an Stoff zur Versorgung ihrer „Alpenfestung“ eingelagert. In der Notzeit zu Kriegsende holten sich viele Ortsansässige Stoffe von dort, die heute noch in einigen Haushalten zu finden sind.

Die Installation wurde über das Festival der Regionen hinaus vom Hand.Werk.Haus Bad Goisern im Rahmen der Ausstellung „Handwerk bittet zu Tisch“ präsentiert und bot auch einen Einblick in die dargestellten persönlichen Geschichten. Durch die Kooperation mit Barbara Kern, der Kuratorin und der Kunstvermittlerin des Hauses, wurde die Installation weiterhin mit Gesprächen über die vielschichtigen Geschichten der 1930/40er belebt.

 

CREDITS

Das Projekt „Vielschichtige Geschichte(n) wurde durchgeführt in Kooperation mit der HTBLA Hallstatt, dem Hand.Werk.Haus Bad Goisern, der Welterbe Mittelschule & digi Mittelschule Bad Goisern, der HLW Bad Ischl, der Evangelischen Pfarre Hallstatt mit Unterstützung vom Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus und von der LeaderRegion REGIS.

 

Historische Beratung

Nina Höllinger, Michael Kurz, Kurt Lux, Marie-Theres Arnbom und Christian Kloyber.

 

Team

Konzept und künstlerische Umsetzung: Teresa Distelberger
Projektcoaching und dramaturgische Beratung: Karoline Maria Wibmer
Co-Moderation und Koordination „Tischgespräche“: Mario Sinnhofer
Choreographie und Performance zu „Der Erbe“ in “Stille Zeugen”: Simon Mayer

 

Handwerkliche Credits

„Stille Zeugen“ – Umbau der Möbelstücke
Klasse Restauration der HTBLA Hallstatt
Sidonie Aumair, Jan Barnstedt, Valentina Grois, Ilvy-Maria Gumpinger, Jakob Infanger, Marlene Karel, Florian Reininger
Werkstattlehrer: Robert Muckenhofer

„Fundstücke“ – Anfertigung der Stecknadeln
und 3. Klasse Fachschule Drechslerei HTBLA Hallstatt
Armin Etschmann und Elias Kerschbaumer
Werkstattlehrer: Markus Gamsjäger

„Tischgespräche“ – Geschichten als Textildruck und Stickerei
Schüler*innen der Welterbe Mittelschule und digi Mittelschule Bad Goisern:
Albeseder Katharina, Deubler Elisa, Ditachmair Sebastian, David Eder, Gruber Tanja, Hauzenberger Nadine, Lichtenegger Sophie, Lourenco Maria, Neuhuber Julian, Roth Anna, Yüce Eda, Kammerer Kristin, Schilcher Ronja, Neubacher Chiara, Eisl Eva, Kain Kristin, Gamsjäger Leonie, Pomberger Vanessa, Stögner Anna
Geschichtelehrerinnen: Bettina Gratzer und Birgit Röhrenbacher
Handarbeitslehrerinnen: Barbara Wögerbauer und Regina Steinkogler

 

Dank an

Marion Wisinger, Barbara Kern, Brigitte Mittendorfer, Goldhaubenfrauen Bad Goisern
Mario Friedwagner, Gerda Pilz
Kulturverein kunterbunt KulturBunt Hallstatt, Patricia Eder, Susanne Scheutz, Verena Lobisser
Evangelische Pfarre Hallstatt, Dankfried Kirsch, Hannes Pilz
HTBLA Hallstatt, Christoph Preimesberger, Fritz Idam
Tennleuwö Tonstudio, Roland Promberger
Franz Xaver Mannert, Fred Brandhuber
Christopher und Nikolai New
Gemeinde Bad Ischl, Gemeinde Bad Goisern, Gemeinde Hallstatt