dirndl dialogues

Familienfoto, in der Mitte vorne Moritz Wallach, 1920er Jahre

Es ist hierzulande wohl bekannt, dass das Dirndl ursprünglich ein simples bäuerliches Arbeitskleid war. Doch wer hätte gedacht, dass gerade ein jüdisches Brüderpaar wesentlich dazu beigetragen hat, das Dirndl darüber hinaus in Mode zu bringen?

Julius und Moritz Wallach begannen am des 19. Jahrhunderts auf ausgedehnten Reisen im Alpenraum eine beträchtliche Sammlung an Volkskunst zusammenzutragen – Möbel, Stoffe, Keramik, Kleidung – die sie in einem kleine Laden in München ausstellten und verkauften. Darunter auch ein Trachtenkostüm, das sie 1906 aus dem Brixental in Tirol, das die Brüder inspirierte daraus eine kleidsame Tracht für die Damen in der Stadt zu entwickeln. Zu der Zeit hatte sich gerade der Trend entwickelt, dass Städterinnen während ihrer Sommerfrische gerne in die Kleider der „Dirnen vom Land“ schlüpften. Die Wallachs starteten somit ihre Dirndl-Produktion und hatten damit auf Anhieb Erfolg.

Lange dachten Moritz und Julius Wallach, die Volkskunst würde ihn auch in der Nazi-Zeit retten. Göring war ein häufig gesehener Kunde, Hitler hat angeblich dort seine Lederhosen gekauft und wurde auf einem historischen Foto entspannt lachend auf seinem Berghof in Berchtesgarden abgelichtet – mit Wallach Vorhängen im Hintergrund. Nachdem in der Reichskristallnacht die Scheiben zerschlagen wurden, dekorierte Moritz Wallach sie wieder neu. Juden war das tragen von Trachten damals bereits verboten. Schließlich war ein Zwangsverkauf und die Flucht in die USA doch der einzige Ausweg.

„dirndl dialogues“ Videostill

Teresa Distelberger hat auf Basis dieser Recherchen Kontakt aufgenommen mit Amelie*, einer Ur-Enkelin von Moritz Wallach, die selbst in ihrer (Keramik-)Kunst auf den Spuren ihrer Ahnen wandelt. In vielen Skypes haben die beiden eine Freundschaft geknüpft und sich über ein Thema ausgetauscht, das sie beide interessiert: Die transgenerationalen Effekte von Traumata.

Daraus ist im Rahmen des Volxfests beim Festival der Regionen ein eigenes Projekt entstanden, an dem sich auch die Goldhaubenfrauen Mauthausen und die Schneiderin Silke Peitl beteiligt haben. Gemeinsam mit Teresa Distelberger haben sie ein Dirndl für Amelie aus Wallach-Stoffen genäht und auch hier war der rote Faden der begleitenden Gespräche die Frage, wie wir persönlich mit dem umgehen, was wir von unseren Familien aus der Nazi-Zeit „geerbt“ haben. In einem 19-minütigen Video kommen diese Dialoge und weiteres Recherchematerial zusammen. Das Entstehen des Dirndls ist in all dem ein Anker, auf den sich die Beteiligten beziehen.

Foto: Shao Hui He

Am 6. Juli 2019 war Amelie dann zu Gast beim Volxfest, das im Rahmen des Festivals der Regionen in Au/Donau unweit von Mauthausen stattgefunden hat. Amelie hat – noch in den USA – in Anlehnung an die Blaudruckkunst ihres Ur-Großfaters eigene Druckformen entwickelt und die Schürze bedruckt. Das Dirndl wurde überreicht und alle Beteiligten haben sich schließlich erstmals persönlich getroffen. Eine räumliche Installation mit Video und Wallach-Originalen war für die Zeit des Volxfests beim Jägerwirt in Au/Donau zu sehen und wurde als Ort der Begegnung genutzt, in dem auch die Gäste eingeladen waren, ihre Geschichten zu erzählen.

Installationsansicht. Video und Wallach-Originale, Jägerwirt Au/Donau 2019 Foto: Shao Hui He

 

Goldhaubenfrauen Maria Hinterplattner und Resi Auböck, Simon Mayer, Amelie, Teresa und Schneiderin Silke Peitl beim Volxfest 2019, Festival der Regionen. Foto: Shao Hui He

 

Installationsansicht. Amelie und Teresa im Gespräch mit Gästen. Foto: Shao Hui He

PRESSE (zum Lesen kostenlose Registrierung erforderlich): Oberösterreichische Nachrichten – „Verehrt, verfolgt, vertrieben: Was ein Dirndl über Geschichte erzählen kann“, 5. Juli 2019 

*Aus persönlichen Gründen möchte Amelie im Internet nicht mit ihrem vollen Namen genannt werden.

Skills: film, handwerk, installation