Bodenkontakt: Von der Filmidee zum Festivalmotto

Dieser Artikel erschien im Magazin kunstSTOFF, Ausgabe 28.

BODENKONTAKT
Wie die Motto-Findung für das Viertelfestival Niederösterreich funktioniert

Es war wieder einmal so weit: Der Regionalbeirat des Viertelfestival Mostviertel, dessen Mitglied ich bin, kam im Frühjahr 2018 mehrmals zusammen, um ein neues Festivalmotto zu finden. Kleingruppen wurden gebildet, viele Vorschläge erarbeitet, Votings ausgewertet, Favoriten heiß diskutiert und nochmals abgestimmt. Zu meiner eigenen Überraschung war schlussendlich das von mir ausformulierte Thema „Bodenkontakt“ an erster Stelle.

Wir sind heutzutage von überall aus zu Hause; in globalen, virtuellen Räumen, immer ver- bunden, live dabei bis ans andere Ende der Welt. Gleichzeitig stehen wir auf einem ganz konkreten Fleckchen Erde. Dieses Stück Boden ist Teil eines Landstrichs mit seiner Geschichte, lebendiger Organismus, Spekulationsobjekt, erodierender Acker, Dorfplatz, Leerstandsfläche, Bühne, Obstgarten.

Als Dokumentarfilmemacherin hatte ich mich vor einigen Jahren in einer Recherche intensiv damit beschäftigt, wie Menschen in Kontakt mit dem Boden treten. Mich interessierte besonders, wie wir heutzutage diese direkte Beziehung zu Erde in ihren vielfältigen Erscheinungsformen pflegen, während unsere Lebenswelten immer mehr geprägt sind von globalen Zusammenhängen, digitalen Räumen und allgegenwärtiger Beschleunigung. Ich ließ mich von meinen Assoziationen treiben und beleuchtete „Bodenkontakt“ in einigen Recherchegesprächen aus unterschiedlichsten Perspektiven.

Die Lehmbau-Architektin Anna Heringer erzählte mir von der Erde als superökologischem Baumaterial mit endlos kreativen Einsatzmöglichkeiten; die über 90-jährige Buddhistin Ursula Lyon beschrieb mir im Detail, mit welcher Achtsamkeit sie den Boden unter ihren Fußsohlen in ihrer Gehmeditation wahrnimmt; von der Kompostierexpertin Angelika Lübke- Hildebrandt erfuhr ich, welcher Mix an Material, Wärme, Feuchtigkeit, Sauerstoff und Mikroorganismen den besten Humus hervorbringt. Mit Neugierde las ich über die Malerin Barbara Brodegger und ihre selbst hergestellten Erdpigmente aus La Gomera; mit dem Tänzer und Choreographen Simon Mayer sprach ich über seinen unterschiedlichen Kontakt zum Tanzboden im Staatsopernballett vs. beim Volkstanzen vs. im zeitgenössischen Tanz, und mit meinem Vater überlegte ich, wie man Grundstücke gemeinschaftlich von der Spekulation freikaufen könnte. Das einfache Wort „Bodenkontakt“ eröffnete mir unzählige Denkrichtungen – doch als Filmkonzept war es mir dann doch zu breit und wanderte vorerst in die Schublade. Bis ich es als Mottovorschlag für das Viertelfestival wieder auspackte.

Beim Auswählen des Festivalthemas ist ein zentraler Fokus, dass es möglichst viele Zugänge und Deutungsmöglichkeiten eröffnet. Es soll konkret sein, aber doch abstrakt genug, um für Künstlerinnen und Künstler unter- schiedlichster Genres Anknüpfungspunkte, Inspirationen und Interpretationsmöglichkeiten zu bieten. Der eigenen Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt.

Wie steht es um unsere Beziehung zur Grund- lage unseres Lebens? Welche Verbindung haben wir zu einem Batzen Lehm oder einem Komposthaufen? Warum wird immer mehr Boden versiegelt? Was schlummert unverdaut in der Heimaterde? Was oder wer will aufbre- chen? Und was bedeutet es, ein vertrautes Stück Land zu verlassen und sich (neu) zu beheimaten? Welche Impulse bringen jene Menschen, die jenseits gewohnter Überzeu- gungen daheim sind?

Diese Fährte führte mich hin zur Beziehung zum „Heimatboden“. Heimat ist ein vielschichtiger Begriff, der gerne politisch missbraucht wurde (und wird), um Menschen auszugrenzen, um für Kriege zu mobilisieren und Grenzen hochzuhalten – gleichzeitig beschreibt er auch dieses simple Gefühl, das hochkommt, wenn man sich besonders vertraut gemacht hat mit einer bestimmten Gegend. Doch was macht dieses Heimatgefühl aus? Ist es auch möglich, im Reisen zu Hause und an verschiedenen Orten verwurzelt zu sein? Wie kommen Heimatverbundenheit und Weltoffenheit zusammen?

Lassen Sie sich einfach leiten von Ihren ganz eigenen Assoziationen.

Das Motto BODENKONTAKT lädt Sie dazu ein, sich mit Ihren Heimaten auseinanderzusetzen – mit bestehenden ebenso wie mit solchen, die Sie hinter sich gelassen oder neu gefunden haben – an realen oder virtuellen Orten, verbunden mit anderen Lebewesen oder dem ganzen Planeten.

Wie halten Sie Bodenkontakt?

 

INFO: Einreichungen für das Mostviertelfestival 2020 sind bis zum 6. Juni 2019 möglich.
Details: 
www.viertelfestival-noe.at/de/vorschau

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

*

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich stimme zu.